Vertrauen des Mittelstands unter Druck:
Ausgerechnet die Ehrlichen sollen mehr zahlen!
Eine Mehrwertsteuerdebatte mit Sprengkraft für das Friseurhandwerk.
Im Friseurhandwerk klingeln bei der aktuellen Debatte alle Alarmglocken. Wenn Bundesfinanzminister Klingbeil Steuererhöhungen „nicht ausschließt“, ist das mehr als ein haushaltspolitischer Nebensatz – es ist ein Warnsignal für tausende Betriebe, die Tag für Tag mit knappen Margen, hoher Personalbindung und preissensibler Kundschaft arbeiten. Denn was in Berlin schnell als „Einnahmeseite stärken“ diskutiert wird, kommt bei uns als Preisaufschlag an der Kasse an. Genau dort wird sich in Zukunft entscheiden, ob die Menschen sich einen legalen, qualitätsgesicherten Friseurbesuch noch leisten können.
In der öffentlichen Diskussion wird konkret über eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf bis zu 21 Prozent gesprochen, was auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher für wahrscheinlich hält. Für das Friseurhandwerk ist das kein abstraktes Rechenmodell, sondern ein direkter Schlag. Wir leben von personalintensiver Dienstleistung. Wir können Steuern nicht „wegoptimieren“, nicht ins Ausland verlagern, nicht automatisieren. Wenn die Mehrwertsteuer steigt, steigt der Preis. Und wenn der Preis steigt, sinkt die Nachfrage – genau in dem Segment, das die Politik sonst so gern als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet.
Was gerne unterschätzt wird: Eine Mehrwertsteuererhöhung ist nicht nur eine Belastung, sie sendet auch ein klares Marktsignal – und dieses lautet: Legale Leistung wird teurer. Das ist im Friseurhandwerk besonders problematisch, weil wir schon heute einen harten Wettbewerb mit Angeboten haben, die sich nicht an dieselben Regeln halten – keine ordentliche Anmeldung, keine korrekte Versteuerung, kein Sozialversicherungssystem, keine Ausbildung, keine Hygiene- und Qualitätsstandards auf professionellem Niveau. Wenn der Staat nun die legale Dienstleistung zusätzlich verteuert, verschärft er eine Entwicklung, die wir in den Betrieben längst spüren: wachsende Wettbewerbsverzerrung zulasten derjenigen, die sauber arbeiten. Oder anders gesagt: Wer den Preis der Legalität erhöht, macht die Illegalität attraktiver – und darf sich nicht wundern, wenn die Schattenwirtschaft wächst.
Damit sind wir beim Kern: Eine Mehrwertsteuererhöhung ist eine Wachstumsbremse mit Ansage – und gleichzeitig ein Turbo für Schwarzarbeit. Wer glaubt, man könne Haushaltslücken schließen, indem man Alltagsdienstleistungen verteuert, übersieht die realen Reaktionen im Markt: Kundinnen und Kunden werden noch stärker vergleichen, Leistungen reduzieren, Besuche verschieben. Und ja: Ein Teil weicht auf informelle „Küchen-Angebote“ ohne Rechnung aus. Das ist nicht nur unfair, das ist ordnungspolitisch fatal. Denn am Ende verlieren alle: Der Staat verliert Steuereinnahmen, ehrliche Betriebe verlieren Umsatz, Beschäftigte verlieren Perspektiven – und die Ausbildungsfähigkeit einer gesamten Branche gerät weiter unter Druck.
Der Mittelstand spricht in einem offenen Brief an Friedrich Merz von einer „Vertrauenskrise“ und zeichnet ein drastisches Stimmungsbild: Eine Mehrheit glaube nicht mehr an das Gelingen der angekündigten Wirtschaftswende. Das ist keine Rhetorik – es ist ein Warnruf.
Im Friseurhandwerk ist dieses Gefühl längst angekommen: Wir erleben seit Jahren steigende Kosten, wachsende Bürokratielasten und gleichzeitig eine Kundschaft, die bei jedem Euro genauer hinschaut. Wenn als Antwort erneut Steuererhöhungen diskutiert werden, kippt das Vertrauen endgültig – in Planbarkeit, in Fairness und in die politische Prioritätensetzung.
Wenn der Staat über ein ausgeglichenes und faires Steuersystem spricht, dann muss er es auch so gestalten. Fair heißt nicht „einfach für die Verwaltung“, sondern gleichmäßig, nachvollziehbar und durchsetzbar. Es kann nicht sein, dass diejenigen, die transparent wirtschaften, Kassen führen, Beschäftigte sozialversichern und ausbilden, am Ende immer wieder die Rechnung zahlen – während sich andere dem System entziehen und dadurch Wettbewerbsvorteile erzielen. Ein faires Steuersystem bedeutet: gleiche Regeln und gleicher Vollzug für alle.
Wer Steuergerechtigkeit ernst meint, muss an die Ursachen der Schieflage ran: an Vollzugsdefizite, an systematische Umgehung, an unfairen Wettbewerb. Im Friseurhandwerk heißt das konkret: Schwarzarbeit wirksam zurückdrängen, Kontrollen zielgerichtet und konsequent durchführen, und die Rahmenbedingungen so setzen, dass ehrliche Arbeit nicht bestraft, sondern belohnt wird.
Finanzminister Klingbeil sagt, Steuererhöhungen dürften nicht „immer das Erste“ sein, was der Politik einfällt. Genau daran messen wir die kommenden Wochen.
Wer Stabilität, Beschäftigung und Ausbildungsleistung will, darf personalintensive Dienstleistungen im Alltag nicht noch teurer machen. Eine Mehrwertsteuererhöhung wäre kein Beitrag zur Stabilisierung – sie wäre ein Brandbeschleuniger für Preisfrust, Nachfrageeinbruch, Schwarzarbeit und Wettbewerbsverzerrung und – ein Test, wie weit man die Akzeptanz derer strapazieren kann, die dieses Land vor Ort am Laufen halten.

